Mord in Amsterdam

Am 2. November wurde eine bekannte niederländische Persönlichkeit auf bestialische Weise umgebracht: Der Filmemacher und Zeitungskolumnist Theo van Gogh wurde erschossen und sein Leichnam zerstochen. Der Täter, Mohammed B., ein Niederländer marokkanischer Herkunft, war ein radikaler Islamist. Seitdem rollt eine rassistische Welle durch die Niederlande.

Im ganzen Land wurden in den vergangenen Wochen islamistische Einrichtungen mit hasserfüllten Parolen beschmiert, verwüstet oder versucht in Brand zu stecken. Von Allochthonen, die einen (vermuteten) muslimischen Hintergrund haben, wird nun in beinahe aggressiver Weise verlangt, sich von dem Mord zu distanzieren. Der traurige Tiefpunkt einer ganzen Reihe rassistischer Anschläge fand in Uden (Provinz Brabant) statt, wo die muslimische Grundschule Bedir in Flammen aufging.

Das Image der Niederlande, ein tolerantes und friedliebendes Land zu sein, ist nach dem Mord an Theo van Gogh definitiv zerstört. Wobei dieses Image eher ein Mythos war, das sich vornehmlich im Ausland lang gehalten hat. In den Niederlanden konkurrieren Politiker und Meinungsmacher seit Jahren miteinander, wer die extremsten Aussagen zum „Allochthonenproblem“ zum Besten gibt. Rassismus und die Verherrlichung der „eigenen“ niederländischen Kultur haben in solcher Atmosphäre Hochkonjunktur. Das Gejammer über die Allochthonen – so werden Menschen mit migrantischen Hintergrund in den Niederlanden bezeichnet – ist schon lange Volkssport Nummer eins. Vor allem seit dem Erfolg des Rechtspopulisten Pim Fortuyn – 2002 ermordet – versuchen sich Politiker gegenseitig mit extremen Parolen gegen „unangepasste“ Allchthonen zu übertreffen. Denn das bringt Wählerstimmen. Das politische Klima wird seit dem Mord an van Gogh von rechts-konservativen Kräften beherrscht, wie der neuen Partei von Geert Wilders, einem ehemaligen Rechtsliberalen. Die Sozialdemokraten und vor allem aber die Grünen und die Sozialisten lavieren in ihren Reaktionen zwischen der „harten Linie“ der Rechtskonservativen und einer Warnung vor Pauschalisierungen gegenüber muslimischen Allochthonen.

Die außenparlamentarische Linke reagierte vorhersagbar auf den Mord: er wurde verurteilt, das Recht auf freie Meinungsäußerung sei ein wichtiges Gut. Auch wurde davor gewarnt, alle Allochthonen als Verantwortliche für den Mord hinzustellen. Doch wird es langsam Zeit, dass die außenparlamentarische Linke nicht im obligatorischen Mitheulen mit den sozialdemokratischen Wölfen verharrt. Die Linke muss sich nicht nur gegen die rassistischen Ausbrüche widersetzen, sondern auch gegen die allgegenwärtige Verherrlichung der „niederländischen Kultur“ gegenüber „Allochthonen“ oder Islamisten. Die radikale Linke sollte zugleich die heuchlerische Art und Weise, wie in diesen Tagen die „Freiheit der Meinungsäußerung“ verehrt wird, entlarven. Diejenigen, die heute für die Freiheit eintreten, beschränken sie seit Jahren, insbesondere durch die systematische Ausweitung von Befugnissen der Polizei und Sicherheitsdienste. Auch vor Gericht werden die bisherigen Freiheiten mehr und mehr beschnitten. Und es ist zu erwarten, dass in Zukunft „Risikobürger“ mit allen Mitteln verfolgt werden, so dass diese Freiheit in noch größerem Maße unter Druck kommen wird.

Wichtig ist, dass sich die Linke von der Verherrlichung von van Gogh distanziert. Van Gogh war kein unkonventioneller Liberaler und auch kein Kämpfer für das freie Wort. Er war ein rechter Demagoge. Seine Äußerungen waren nur all zu oft antisemitisch und rassistisch. Laut van Gogh lüstet es der jüdischen Historikerin Evelien Gans in ihren „feuchten Träumen“ danach mit Dr. Mengele ins Bett zu steigen. Auch machte er Witze wie: „Warum riecht es hier so nach Karamell? Weil sie heute nur die zuckerkranken Juden verbrennen.“ In letzter Zeit adressierte van Gogh seine Hetzreden an den muslimischen Teil der Bevölkerung. Er nannte sie scherzhaft als „Fünfte Kolonne der Ziegenficker“. Er verdient es nicht, in die Geschichte einzugehen als großer Kämpfer für das freie Wort, so traurig der Mord auch ist. Trotzdem muss der Mord verurteilt werden. Die Linke kann kein Interesse haben am rechtsextremen bis faschistischen Gedankengut der Islamisten. Aber im Augenblick verlangt die rassistische Welle alle Aufmerksamkeit.

David Vervoort

(Mitglied des Eurodusnie-Kollektivs in Leiden, NL)

geschreven voor Jungle World, 14/11/2004

 

 

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